
Das Festival BLAUES RAUSCHEN 2026
in der Szene 10
29.05.2026 – 20:00 Uhr
Resonanz im Offenen zwischen Atem und Algorithmus
Seit seinen Anfängen versteht sich BLAUES RAUSCHEN als ein Festival, das Prozesse sichtbar macht. Im Mittelpunkt stehen Fragen, die sich aus dem Zusammenspiel von Klang, Technologie, Gesellschaft und Raum ergeben. Wie verändert sich künstlerische Praxis unter digitalen Bedingungen? Welche Rolle spielen Körper, Materialität und Improvisation in zunehmend algorithmisch geprägten Systemen? Und wie lassen sich lokale Kontexte mit internationalen
Perspektiven verbinden?
BLAUES RAUSCHEN 2026 knüpft daran an und führt diese Fragestellungen weiter. Die unmittelbare klangliche Praxis rückt stärker in den Vordergrund. Arbeiten aus Körper, Stimme, Instrument und kollaborativen Situationen treffen auf akustische und elektronische Verfahren. Unterschiedliche künstlerische Ansätze und Arbeitsweisen stehen nebeneinander, ohne nivelliert zu werden.
Das Festival findet im Ruhrgebiet in Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Kaarst, Duisburg und Mülheim statt. Die Einbindung verschiedener Festivalorte im Ruhrgebiet ist dabei ein wichtiges Zeichen für den anhaltenden Willen zu einer überregionalen Kulturpolitik. BLAUES RAUSCHEN hat sich in den vergangenen Jahren als Ort des Austauschs etabliert, zwischen Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie zwischen Disziplinen, Institutionen und
Publikum. Workshops, Gespräche und kollaborative Formate waren dabei ein fester Bestandteil des Programms. Diese Ausrichtung setzt sich 2026 in einem Lecture Talk mit dem Titel „Chemical Calls of Care“ zu den materiellen und chemischen Prozessen der Klangentstehung fort. Der international ausgeschriebene Workshop, der in den vergangenen Jahren eng mit dem Festival verbunden war und einen zentralen Bestandteil des Programms bildete, kann 2026 vor dem Hintergrund einer insgesamt angespannten kulturpolitischen Fördersituation, von der derzeit viele freie und experimentelle Kulturformate betroffen sind, leider nicht realisiert werden. Gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklungen sind von Polarisierung und Verengung geprägt. BLAUES RAUSCHEN setzt dem einen Raum entgegen, in dem Differenzen bestehen bleiben dürfen und Wahrnehmung nicht sofort in Zustimmung oder Ablehnung mündet. BLAUES RAUSCHEN bleibt dabei bewusst offen. Für Reibung und Widerspruch, für Unschärfen und Zwischenräume. Nicht alles erklärt sich sofort. Klang wird nicht als abgeschlossenes Produkt verstanden, sondern als Prozess. BLAUES RAUSCHEN 2026 lädt dazu ein, aufmerksam zu hören, gewohnte Kategorien zu hinterfragen und sich auf unterschiedliche Formen zeitgenössischer Klangkunst einzulassen.
FR // 29. MAI
20:00
Ah! Kosmos
Titel: „Rewilding”

In einer politisierten Perspektive kann „Sound Art“ oder der bewusste Einsatz von Sound zur Kritik an Herrschaftsverhältnissen genutzt werden. Die gestaltete akustische Umgebung ist dann kein neutraler Raum, sondern ein Feld, in dem Ordnung und Widerstand klanglich ausgefochten werden. Parallel zu ihrem Bestseller „Der Pilz am Ende der Welt“ entwickelte die Anthropologin Anna Tsing das Konzept der „Zurückverwilderung“. Dieser Gedanke, die Schauplätze des Anthropozäns in einen vorkapitalistischen Zustand zurückzuführen, ist Ausgangspunkt für die Serie an Arbeiten und Live-Performances, die Ah! Kosmos unter dem Namen „Rewilding“ zur Aufführung bringt. Folksongs aus dem Südosten Anatoliens werden zu einem Flüstern, zu einem sanften Gemurmel, zu einem Summen. Dieses legt sich über vormals für Klanginstallationen genutzten Sound der Künstlerin selbst – Ah! Kosmos wird zur Archäologin und Sammlerin ihres eigenen Materials. Diese Kompositionen sind für sie je eigene Ökosysteme.
Ah! Kosmos – a.k.a. Başak Günak – wurde in Istanbul geboren, lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Berlin. Während sie unter ihrem bürgerlichen Namen Kompositionen und (ortsspezifische) Soundinstallationen erarbeitet, agiert sie als Ah! Kosmos im Bereich der elektronischen Musik. So oder so sind Identität, Körperpolitiken und ursprüngliche Akkumulation wiederkehrende Motive in ihrer Arbeit. In dem Zusammenhang entstanden Commisioned Works in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in der Türkei und in Paris. Außerdem wurde sie durch das Musicboard Berlin gefördert. Bisher hat sie sechs Alben veröffentlicht; ihr Debüt „Bastards“ erschien bei Denovali. Zuletzt erschien „Rewilding“ (Subtext Records), auf dessen Grundlage die Performance beim BLAUES RAUSCHEN Festival entsteht.
FR // 29. MAI
20:45
Christian Rosales Fonseca
Titel: „Ezuakakne“

Postkoloniale Verschiebungen: Die asymetrischen Machtverhältnisse des globalen Kunstbetriebs nimmt Christian Rosales Fonseca ins Visier. Seine multimediale Performance „Ezuakakne“ basiert auf drei Videos und einer Vielzahl von Field Recordings, die Fonseca in seiner Heimat Kolumbien gesammelt hat. Im Zentrum steht die Suche nach Klangmaterial – Liedern, Sprachfragmenten, Ritualspuren –, das im Zuge kolonialer Gewalt aus indigenen Communities verdrängt wurde. Paradoxerweise wurden Überreste dieser Kulturpraktiken ausgerechnet durch „koloniale“ Aufnahmetechniken konserviert und archiviert. Dieser dialektischen Verschränkung von Auslöschung und Bewahrung nähert sich Rosales Fonseca mit Samplern und E-Gitarre: Als klangarchäologische Praxis, die Erinnerung nicht rekonstruiert, sondern reaktiviert.
Christian Rosales Fonseca wurde 1993 in Bogotá geboren und lebt und arbeitet heute in Bremen, wo er an der Hochschule für Künste lehrt und forscht. Als Komponist und Improviser widmet er sich politischen, sozialen und kulturellen Dimensionen (post)kolonialer Beziehungen zwischen indigenen, präkolumbianischen und europäischen Communities.
Insbesondere das Volk der Kágaba (Kogui) steht im Fokus seiner durch Musikfonds und Bremer Senat geförderten Projekte. Er ist Teil mehrerer Experimentalmusik-Kollektive, darunter INCOMODO, CROMBF und KLANK.
FR // 29. MAI
21:30
Nadia Struiwigh
Titel: „IKIGAI“

„IKIGAI“ – der japanische Begriff steht für „das, wofür es sich zu leben lohnt“, für eine Schnittmenge aus Leidenschaft, Berufung, Begabung und gesellschaftlichem Bedarf. Nadia Struiwigh nimmt diesen Begriff nicht affirmativ auf, sondern zerlegt ihn klanglich. Mit dem gleichnamigen Album kehrt sie zu ihrem eigenen Label Distorted Waves zurück – und
zugleich zu einem existenziellen Kern. Entstanden nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters, oszilliert das Album zwischen ambienter Introspektion, technoider Verdichtung und junglegetriebener Vorwärtsbewegung. Struiwigh transformiert Trauer in Textur, Erinnerung in Frequenz. Bei BLAUES RAUSCHEN wird „IKIGAI“ zur Live-Reflexion über Verlust und Resonanz: Maschinen atmen, Sequenzen kippen, Beats brechen auf. Katharsis erscheint hier nicht als Pathos, sondern als physische Energie im Spannungsfeld von Innenwelt und Soundsystem. Nadia Struiwigh, 1989 in Rotterdam geboren, lebt in Berlin und bewegt sich zwischen Ambient, Jungle, Electro und hypnotischem Techno. Veröffentlichungen auf CPU, Nous’klaer, Dekmantel und Tresor markieren eine Praxis, die Hardware-Intuition mit emotionaler Dringlichkeit verbindet. Als Resident im Berliner Tresor steht sie für psychedelisch verdichtete Sets; ihre Liveshows entstehen improvisiert im Dialog mit Raum und Publikum. 2024 gründete sie Distorted Waves für experimentelle, maschinenzentrierte Produktionen. Unter dem Alias IAMbient arbeitet sie zudem im Feld „Healing Sounds“ – Verbindung als ästhetisches Leitmotiv.